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Ein negativer Atemtest schließt SIBO nicht aus
Du hast unter meinem Reel BAUCH kommentiert, schön, dass du da bist! Hier erkläre ich dir, was ein Atemtest bei SIBO kann und was nicht. Und warum wir in der Praxis nie nur auf die Zahl auf dem Papier schauen, sondern nach den Ursachen suchen.
Das Wichtigste in Kürze
- SIBO, also eine Überwucherung des Dünndarms mit zu vielen Bakterien, kann Beschwerden wie einen Blähbauch machen. Der Atemtest ist ein Werkzeug, um dem nachzugehen, kein Urteil.
- Der Test hat Grenzen: Er erkennt nicht alle Betroffenen, und bei einem zu schnellen Darm kann er auch auffällig ausfallen, obwohl keine Überwucherung vorliegt. Ein negatives Ergebnis ist deshalb ein Hinweis, kein Ausschluss. In meiner Praxis nutzen wir immer Laktulose.
- Es gibt drei Gase: Wasserstoff, Methan und Schwefelwasserstoff. Methan machen keine Bakterien, sondern Archaeen. Deshalb sagt man IMO und nicht „Methan-SIBO“. Methan hängt mit Verstopfung zusammen [1].
- Wir schauen bei dir immer auch auf Beschwerden, Stuhl und Schilddrüse. Eine Unterfunktion kann den Darm träge machen, und dann vermehren sich Bakterien leichter.
- Mein Leitsatz: Ursachen vor Erregern. Unten findest du die Vorbereitung auf den Test, eine Fragenliste zum Kopieren und die Einladung in die Praxis.
So funktioniert der Atemtest
Der Test misst nicht direkt, wie viele Bakterien in deinem Dünndarm sitzen. Er misst, was sie ausatmen lassen. Wasserstoff und Methan entstehen im Darm nur durch Mikroorganismen, die Zucker vergären. So läuft er ab:
- Ausgangswert. Du pustest zuerst in ein Röhrchen. Das ist dein Startwert, den Fachleute Baseline nennen.
- Zuckerlösung. Du trinkst eine Lösung mit Laktulose. In meiner Praxis nutzen wir immer Laktulose. Andere Anbieter verwenden auch Glukose.
- Mehrfach messen. Über die Testzeit pustest du immer wieder in ein neues Röhrchen. Bakterien, die den Zucker vergären, lassen Wasserstoff oder Methan in der Ausatemluft ansteigen.
- Auswerten. Nach dem Konsens aus Nordamerika gilt der Test für SIBO als positiv, wenn der Wasserstoff um mindestens 20 ppm (Teilchen pro Million) über den Startwert steigt, und zwar innerhalb von 90 Minuten. Für Methan reichen 10 ppm zu irgendeinem Zeitpunkt [2].
Wo der Test an Grenzen stößt
Ein Atemtest ist für mich ein Werkzeug, kein Urteil. Das hat mehrere Gründe.
Es gibt keinen perfekten Vergleich
Als Goldstandard gilt, Flüssigkeit aus dem Dünndarm abzusaugen und im Labor anzuzüchten. Das ist invasiv, zeitaufwendig und teuer, und es erreicht den mittleren und unteren Dünndarm gar nicht [2]. Der Atemtest ist deshalb die gängige Alternative. Für mich ist er ein Hinweisgeber, kein Messgerät mit eindeutiger Antwort.
Laktulose oder Glukose?
In meiner Praxis nutzen wir immer Laktulose, aus Erfahrung und wegen des Wegs des Zuckers durch den Darm: Glukose wird schon ganz am Anfang des Dünndarms aufgenommen und kommt weiter unten kaum noch an. Laktulose läuft dagegen durch den gesamten Dünndarm. So kann der Test auch Überwucherungen anzeigen, die weiter unten sitzen.
Laktulose (meine Empfehlung)
- Stärke: Der Zucker läuft durch den ganzen Dünndarm.
- Zu beachten: Arbeitet der Darm zu schnell, wird der Zucker schon im Dickdarm vergoren, und es können auffällige Werte ohne echte Überwucherung entstehen (falsch-positiv). Deshalb lese ich das Ergebnis nie allein nach der Zahl.
Glukose
- Schwäche: Glukose wird früh aufgenommen. Was weiter unten im Dünndarm sitzt, kann der Test deshalb übersehen. Darum nutzen wir sie in der Praxis nicht.
Ein negatives Ergebnis ist ein Hinweis, kein Ausschluss. Ein positives Ergebnis ist ein Hinweis, kein Beweis.
Aus meiner Praxis
Wenn ein Test nur einen Teil der Betroffenen erkennt, heißt das umgekehrt: Ein Teil wird nicht erkannt. Deshalb richte ich meine Arbeit nie ausschließlich an den Atemtestwerten aus. Dein Beschwerdebild begründet einen Verdacht, beweist aber noch nichts. Ein einzelner Test beweist es auch nicht. Erst das Gesamtbild aus Beschwerden, Test, Stuhl und deiner Geschichte ergibt etwas, worauf wir aufbauen können.
Drei Gase, drei Geschichten
Beim Atemtest kann nicht nur ein Gas eine Rolle spielen, sondern drei. In der Praxis schauen wir deshalb, welcher Typ bei dir wahrscheinlich im Vordergrund steht.
Wasserstoff (H2)
Das ist das Gas der klassischen Auswertung (die Kriterien stehen oben bei „So funktioniert der Atemtest“). Es entsteht, wenn Mikroorganismen den Zucker vergären.
Methan (CH4) und IMO
Methan stammt nicht von Bakterien, sondern von Archaeen, also einer eigenen Gruppe von Mikroorganismen. Deshalb ist „Methan-SIBO“ fachlich falsch. Der passende Begriff ist IMO, die englische Abkürzung für Intestinal Methanogen Overgrowth, also eine Überwucherung mit Methanbildnern [1].
- Methan hängt mit Verstopfung zusammen. Bei Verstopfung schauen wir deshalb besonders auf das Methan.
- Methanbildner können auch im Dickdarm sitzen, nicht nur im Dünndarm.
Aus meiner Praxis
Nach meiner Fortbildung bremst Methan die Darmpassage zusätzlich. Bei Verstopfung ist für mich deshalb nicht nur der Atemtest wichtig, sondern auch die Frage, warum der Darm so träge ist.
Schwefelwasserstoff (H2S)
Aus meiner Praxis
Das dritte Gas ist Schwefelwasserstoff. In Deutschland lässt sich Schwefelwasserstoff meist nur indirekt erkennen, zum Beispiel wenn die Messkurve flach bleibt und gleichzeitig Beschwerden bestehen. Das ist ein Hinweis, kein Beweis. Ein unauffälliger klassischer Atemtest räumt den Verdacht deshalb nicht automatisch aus.
Vorbereitung auf den Test
Damit das Ergebnis aussagekräftig wird, bereitest du dich nach dem Konsens aus Nordamerika so vor [2]:
- 4 Wochen vorher keine Antibiotika.
- Mindestens 1 Woche vorher keine Mittel, die die Darmbewegung anregen, und keine Abführmittel.
- Am Tag davor keine gut vergärbaren Lebensmittel, zum Beispiel komplexe Kohlenhydrate.
- 8 bis 12 Stunden vor dem Test nüchtern bleiben.
Wichtig: Setz Medikamente nie auf eigene Faust ab. Ob und wie eine Pause möglich ist, klärst du mit dem Labor und mit der Person, die dir das Medikament verschrieben hat. Labore können außerdem eigene Vorgaben haben. Maßgeblich ist die Anleitung, die du mit deinem Test bekommst.
Warum wir Beschwerden, Stuhl und Schilddrüse mitbetrachten
Ein Atemtest ist eine Momentaufnahme. Um sie einzuordnen, brauchen wir den Rest deiner Geschichte.
Deine Beschwerden
Ist dein Bauch morgens noch flach und abends gebläht? Hast du Aufstoßen, Übelkeit, Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfung? Müdigkeit oder Brain Fog, also dieses Gefühl, nicht klar denken zu können, begleiten das bei manchen. Das häufigste Symptom bei SIBO ist der Blähbauch. Wann er auftritt und was sonst noch dazukommt, erzählt oft mehr als ein einzelner Messwert. Das ist natürlich immer individuell.
Dein Stuhl
Wie oft du gehst und wie dein Stuhl beschaffen ist, kann Hinweise darauf geben, wie schnell dein Darm arbeitet. Das passt zu den Grenzen des Tests: Ein zu schneller Darm kann bei Laktulose falsch-positive Werte erzeugen, und Methan hängt mit Verstopfung zusammen.
Aus meiner Praxis
Ich schaue den Stuhl nicht nur im Gespräch an, sondern mache parallel zum Atemtest einen Stuhltest. Er kann Hinweise zu Verdauung, Darmschleimhaut und Entzündung geben, die der Atemtest nicht misst. Auch er ist ein Hinweis, kein Befund. Ein Stuhltest allein sagt noch nichts über die Ursache.
Deine Schilddrüse
Schilddrüsenhormone steuern das Tempo deines Darms. Bei einer Unterfunktion, also zu wenig Schilddrüsenhormon, bewegt sich der Darm langsamer. Das Essen bleibt länger im Dünndarm liegen, und Bakterien vermehren sich leichter. Verstopfung ist dabei die häufigste Verdauungsbeschwerde. Auch Durchfall ist möglich, meist als Folge einer bakteriellen Überwucherung, weil der Darminhalt zu lange steht. Deshalb gehört die Schilddrüse für mich zu jedem Bauch-Gespräch dazu.
Ursachen vor Erregern
Das ist mein Leitsatz. Wer nur die Bakterien im Blick hat, lässt die Frage offen, warum sie sich überhaupt vermehren konnten. SIBO kommt nach einer Behandlung häufig wieder. Deshalb gilt: Ursachen zuerst.
Welche Ursachen bei dir eine Rolle spielen können, schauen wir gemeinsam an. Die folgende Liste stammt aus meiner Praxis und meinen Fortbildungen. Meist spielen mehrere Punkte zusammen.
Darmbewegung
Die Fachwelt nennt sie Motilität. Bewegt sich der Darm zu langsam, bleibt der Inhalt länger im Dünndarm liegen, und Bakterien vermehren sich leichter. Für mich ist das der zentrale Punkt, und viele der folgenden Ursachen wirken über ihn.
Magensäure
Wenig Magensäure, zum Beispiel bei einer Autoimmunerkrankung des Magens oder nach einer Magen-OP, kann ein Grund sein, warum sich Bakterien im Dünndarm halten. Deshalb gehört die Verdauung von oben nach unten zu meinem Blick.
Galle und Bauchspeicheldrüse
Beide liefern Verdauungssäfte. Wenn sie nicht gut fließen, schauen wir, ob das bei deinem Beschwerdebild mitspielen kann.
Nervensystem und Stress
Der Vagusnerv, der Hauptnerv deines Ruhe-Nervensystems, ist an der Verdauung beteiligt und gilt als eine Verbindung zwischen Darm und Gehirn. In meiner Arbeit steht das Nervensystem in der Hierarchie über dem Hormonsystem. Dauerhafter Stress kann deshalb auch den Darm beeinflussen.
Aus meiner Praxis
Zur Regulation gehören für mich Schlaf, Pausen und Übungen, die viele als beruhigend erleben, etwa langsames Atmen, Summen oder Gurgeln. Das ist ein Ansatz aus der Praxis, kein Wirkversprechen.
Darmschleimhaut
Leaky Gut, also eine durchlässige Darmschleimhaut, kann ein möglicher Faktor sein. In der funktionellen Medizin denken wir die Schleimhaut als vier Barrieren: Darmflora, Schleimschicht, Darmzellen mit ihren festen Verbindungen und Immunsystem. Wie wichtig das bei dir ist, schauen wir uns an, statt zu raten.
Vorgeschichte und Medikamente
Zur Vorgeschichte gehören für mich Operationen im Bauchraum, Diabetes, Verwachsungen, Zöliakie, Endometriose und bestimmte Medikamente. Setz Medikamente deshalb nie auf eigene Faust ab. Wir klären gemeinsam, was für dich eine Rolle spielt.
Mein Phasen-Denken
Aus diesem Denken entsteht mein Vorgehen in drei Phasen. Das ist meine Arbeitsweise aus der Praxis.
- Vorbereiten. Bevor wir etwas gegen die Überwucherung tun, stabilisieren wir die Grundlagen: Stuhlgang, Darmbewegung, Verdauung, Darmschleimhaut und Nervensystem. In der Naturheilkunde gehören dazu zum Beispiel Bitterstoffe und pflanzliche Unterstützung für Verdauung und Darmbewegung. Bei empfindlichen Verläufen nehmen wir uns dafür mehr Zeit, statt etwas zu erzwingen.
- Gezielt vorgehen. Erst auf dieser Grundlage gehen wir die Überwucherung selbst an. Wir arbeiten dabei hauptsächlich mit pflanzlichen antimikrobiellen Mitteln, also Pflanzenstoffen, die gegen Bakterien eingesetzt werden. In manchen Fällen kommt ein ärztlich verordnetes Antibiotikum dazu. Zu pflanzlichen Mitteln gibt es Studien: In einer Untersuchung von 2014 schnitten pflanzliche Mittel und das Antibiotikum Rifaximin ähnlich ab [3]. Was zu dir passt, entscheiden wir gemeinsam und nicht auf Verdacht.
- Aufbauen und vorbeugen. Wir bauen Darmflora und Darmschleimhaut wieder auf und achten darauf, dass die Ursachen nicht wieder anspringen. Bei Probiotika gehen wir vorsichtig und individuell vor.
Der Atemtest zeigt eine Zahl. Wir suchen, warum sie so aussieht.
Fragen vor dem Atemtest
Das ist keine Diagnose, sondern ein Spiegel. Geh die Fragen in Ruhe durch, bevor du einen Test machst oder ein Ergebnis bekommst. Kopier dir die Liste in deine Notizen-App.
MEINE FRAGEN VOR DEM ATEMTEST Zum Test: [ ] Wird Laktulose verwendet? (Meine Empfehlung: Laktulose, weil der Zucker durch den ganzen Dünndarm läuft. Glukose wird früh aufgenommen.) [ ] Wird nur Wasserstoff gemessen, oder auch Methan? Und Schwefelwasserstoff? [ ] Nach welchen Kriterien wird ausgewertet? (Konsens: Wasserstoff +20 ppm innerhalb von 90 Minuten, Methan ab 10 ppm) [ ] Was muss ich vorher beachten? (Konsens: 4 Wochen keine Antibiotika, 1 Woche keine Abführ- und Darmbewegungsmittel, am Vortag keine gut vergärbaren Lebensmittel, 8 bis 12 Stunden nüchtern) [ ] Nehme ich Medikamente, die ich nicht selbst pausieren darf? Wer klärt das? [ ] Wird zusätzlich ein Stuhltest gemacht, damit das Ergebnis nicht allein steht? Zu mir: [ ] Wie ist mein Stuhlgang: eher selten und fest oder eher häufig und weich? [ ] Habe ich einen Blähbauch? Wann ist er am stärksten? [ ] Kenne ich meine Schilddrüsenwerte? Gab es schon einmal den Verdacht auf eine Unterfunktion? [ ] Hatte ich eine Bauch-OP oder nehme ich Säureblocker? [ ] Hat sich schon jemand angeschaut, wie es bei mir mit Magensäure, Verdauung und Stress aussieht? Nach dem Test: [ ] Was schauen wir uns an, wenn das Ergebnis negativ ist und die Beschwerden bleiben? [ ] Was könnte die Ursache sein, wenn das Ergebnis positiv ist? [ ] Wie gehen wir vor, damit es nicht wiederkommt?
Wissen, was bei dir dahintersteckt?
Dann komm zu uns in die Praxis. Wir schauen auf deine Beschwerden, deinen Stuhl und deine Schilddrüse, nicht nur auf die Zahl auf dem Papier, und planen die Schritte gemeinsam. Vor Ort in Hilzingen am Bodensee oder online.
Mehr zum Nachlesen
- Pimentel M, Saad RJ, Long MD, Rao SSC: ACG Clinical Guideline: Small Intestinal Bacterial Overgrowth. American Journal of Gastroenterology, 2020. Zur Leitlinie
- Rezaie A et al.: Hydrogen and Methane-Based Breath Testing in Gastrointestinal Disorders: The North American Consensus. American Journal of Gastroenterology, 2017. Zum Konsens
- Chedid V et al.: Herbal Therapy Is Equivalent to Rifaximin for the Treatment of Small Intestinal Bacterial Overgrowth. Global Advances in Health and Medicine, 2014. Zur Studie
Vieles in diesem Guide stammt aus meiner Praxis und meinen Fortbildungen.
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